Samstag, 30. Januar 2010

11.Rodgau Ultramarthon



Der 2. Start für mich beim 50km Ultramarathon im Rodgau. Das Trainingsprogramm hatte ich leicht gesteigert. Ja, ich wollte richtig was reißen im Rodgau ! Aber dann, etwa 2 Wochen vorm Ultra bekomme ich immer mehr Probleme mit den Fußballengelenk links. Es wird kaum besser, trotz Diclofenac, Kälte, Wärme und anderen Mittelchen. Dennoch Training weiter durchgezogen. Immer so ab 10km kommen die Probleme. Am besten läuft es noch mit dem bequemen, gut gefederten, aber schweren Saucony Guide 2 Schuhen. Erstmal die Startuntergen klar machen.

Zu allen orthopädischen Problemen, kommen noch die schlechten Witterungsverhältnisse der letzten Wochen. So ist ausgerechnet am Wettkampftag, trotz aufopfernder Räumungs und Streumaßnahen des RLT Rodgau, die Strecke in einem denkbar schlechten Zustand. Überfrierende Nässe, Schnee, Eis und im Waldbereich Schneematschsülze, werden ein schnelles Rennen unmöglich machen.

Über die zugeschneiten Straßen geht es in den Rodgau. Pünktlich angekommen, bleibt mir viel Zeit um Startunterlagen klar zu machen, zum plaudern und zum überlegen.....
Soll ich oder soll ich nicht ? Ich mach es ! Kurze Hosen bei -1°. Und damit bin ich fast alleine. Beim Fußmarsch zum Start am Gänsbrüh wird mir klar, dass ich wohl einer der wenigen bin, welcher in solch einem Outfit starten wird.


Erstmal die Startuntergen klar machen. Was gibt es schöneres, als Samstags morgens bei vereisten, schneebedeckten Laufwegen und -1° Grad einen Ultramarathon zu laufen ?
10 Runden a 5 KM unter diesen Bedingungen

links: Erstmal die Startuntergen klar machen. Was gibt es schöneres, als Samstags morgens bei vereisten, schneebedeckten Laufwegen und -1° Grad einen Ultramarathon zu laufen ?
rechts: 10 Runden a 5 KM unter diesen Bedingungen

10 Uhr es geht los. Über eine Minute vergeht, bis ich endlich durch die Zeitmessung komme. Jetzt gilt es. Hunderte von Läufer/innen quälen sich über die verschneiten und vereisten Wege. Zwar befindet sich Split auf den Wegen, aber schon bei den ersten Metern wird klar, das wird hier ne ganz brutale Nummer werden. Es gibt kaum ein vorbeikommen auf den ersten 2 Kilometern des Rundkurses. 10 Runden a 5KM müssen gelaufen werden. Viele werden heute bei diesen Bedingungen von der Ausstiegsmöglichkeit Gebrauch machen, und die 50km nicht beenden. Von 1094 Voranmeldern haben letztendlich 410 Läufer/innen die 50km gefinischt.

Nach ca. 3km habe ich durch Slalomlaufen mich endlich in eine bessere Position gebracht, und kann nun mein gewohntes Lauftempo durchziehen. Im Feld pfeift ein eisiger Wind entgegen, da ist man froh dass die letzten 1,5km der Runde im Wald absolviert werden. Doch von wegen, im Wald ist der Boden mit einer sehr schwer zu laufender Schneesülze vermatscht. Na super ! Hat man sich hier doch immer ein wenig ausruhen können, wird es in diesem Jahr der aufwendigste Teil der Strecke sein. Da bin ich doch froh, dass Harald mit der Ratsche am Streckenrand steht und die Läufer/innen aufmuntert.

Runde 1 in 22:35min gelaufen. Das ist doch ganz ok. Mein ursprünglicher Plan, eine 3:45 zu laufen, wird heute nicht klappen. Aber egal wie, ich laufe erst mal in diesem Tempo weiter. Mal sehen wie lange das gut geht bei diesem kraftraubenden Boden. Die 2.Runde wird schon schneller. 22:03 Minuten, ein Schnitt von 4:25min/km. Ich bin tatsächlich auf Kurs Sub 3:45 ! Abwarten, heute wird der Einbruch sehr viel früher kommen als sonst.

Jetzt endlich mal was trinken. Der einzige Getränkestand der Strecke ist belagert, ich komme gar nicht richtig ran, und so entschließe ich mich nochmal ne Runde ohne Getränk zu laufen. Immer wieder gibt es unterwegs kurze Gespräche. Meistens werde ich auf die kurzen Hosen angesprochen. Nein, ich friere nicht! Nur meine Arme sind kalt! Der Matsch im Wald wird immer schlimmer. Man muß sich den Boden so vorstellen, wie bei der ansteh' Schlange eines Skiliftes. Aber immerhin Runde 3 in 22:19min gelaufen. Es geht irgendwie doch. Aber das ständige Überholen im Schneematsch macht müde.

Jetzt blos nicht den Getränkestand verpassen. Ich schlittere am Getränkestand, schnappe ein Wasser und weiter geht es. Das kostet Zeit. Ist auch irgendwie ungeschickt, den Stand mitten in einer Kurve aufzubauen. Der enge Wendepunktteil der Strecke wird nun auch immer schlechter zu laufen, da bereits die langsamsten Läufer überrundet werden müssen. Direkt am Wendepunkt wurde inzwischen Sand gestreut, damit hier niemand hinfliegt. Zusätzlich schallt noch Musik aus den Lautsprechen die irgendwie nach Sommer und warmen Strand klingt. Das braucht man auch jetzt wenn es wieder ins Feld geht, wo der Wind heftig von der Seite pfeift.

Ab durch die Schneesülze zum Gänsbrüh runter KM20 ist geschafft. Runde 4 in 22:19min absolviert. Gesamtzeit 1:29:16. Viel zu schnell für den Boden. Zeit für ein Gelpack. Ich wurschtele an meiner Tasche rum, aber ohne Gefühl in den Finger keine einfache Aufgabe. Endlich halte ich den Gelpack in der Hand. Aufgebissen und rein damit. Getränkestand, ich brauche jetzt unbedingt Wasser. Wieder Zeit verloren. Viele der Läufer sehen diesen Stand jetzt schon als willkommene Pause an, und bleiben einfach am Stand stehen.

Irgendwie habe ich Sprudelwasser bekommen. Wieso gibt es hier Sprudelwasser? Das verursacht doch nur Seitenstechen. Habe ich mich da vergriffen? Es hilft nichts, ich muß das Gel jetzt damit runterspülen. Die Kräfte schwinden immer mehr. Noch nicht mal die Hälfte rum. Weiter im Takt. Runde 5 in 22:26min. 1:51:42 für 25KM. Ich bin noch auf Kurs Sub 3:45 wär hätte das gedacht. Mal schauen, es wird immer beschwerlicher zu laufen. Getränkestand kommt, und schon wieder Sprudelwasser! Ich glaube die haben nichts anderes! Nächste Runde werde ich Tee nehmen.

Weiter spule ich mein Programm ab. Rauf zur Wendepunktstrecke, rüber ins Feld. Matschpampe im Wald. Die KM Zeiten liegen jetzt über der 4:30min Marke. Ab jetzt geht es abwärts. War ja klar. Unter diesen Bedingungen kein Wunder. Ein Glück steht jetzt Gabi im Zielbereich und hat ein paar aufmunternde Worte für mich. Leider kann Sie nach einer Lungenentzündung heute nicht starten. Runde 6 stoppe ich in 22:37min. Auf gehts noch 4 Runden. Es wird zur Qual. Zum Glück meldet sich der angeschlagene Fußballen kaum. Es war richtig mit den bequemen Schuhen zu laufen. Die KM Zeiten gehen jetzt deutlich über die 4:30'er Marke. KM34 stoppe ich mit 4:50min. Ich versuche mich gegen den Einbruch zu stemmen.

Fast eine Ewigkeit dauert es bis ich endlich den Powerriegel auf meiner Tasche gefummelt habe. Und fast genauso lange dauert es bis ich endlich diese blöde Verpackung auf habe. Verzweifelt laufe ich wieder durch die Sülze runter zum Start/Zielbereich. Für Runde 7 brauche ich schon 23:17min. Immer mehr Läufer/innen geben auf und steigen aus. Ich habe auch keinen Bock mehr. Das macht heute echt keinen Spaß. Schon wieder ne gefühlte halbe Ewigkeit am Getränkestand gebraucht um einen Becher Tee zu bekommen. Aus den restlichen Läufer/innen werden immer mehr Spaziergänger. Viele haben einfach keinen Elan mehr um den Ultra "laufend" zu Ende zu bringen.

Plötzlich bekomme ich Seitenstechen. Was für ein Mist. Ich habe es ja gewußt. Dieses blöde Sprudelwasser. Also wie war das? Einfach beim Auftreten des gegenüberliegenden Beines fest ausatmen. Und tatsächlich, nach einen halben KM ist es weg! Runde 8 ist geschafft in 23:44min. Ich bin schon bei einem Schnitt von 4:45min/km angelangt. Die Gesamtzeit steht bei 3:01:20. OK, Sub 3:45 längst gelaufen. Sub 3:50 noch drin, aber quasi unmöglich, da ich schon froh bin noch nicht gehen zu müssen. Ich bin nur noch froh, wenn das hier vorbei ist.

So schlecht kann es nicht sein, denn überholt werde ich nicht. Nochmal Gel mit tiefgefrorenen Fingern aus der Tasche zupfen. Wieder Sprudelwasser zum runterspülen. Fast ausgerutscht am Verpflegungsstand. Wieder das Feld rauf, jetzt kommt die Marathonmarke. 3:12:07 für die 42,2km. Jetzt noch 8KM. Beiß es durch, nicht aufgeben. Wendepunktstrecke, hier geht ja fast gar nix mehr. Jeder ist am kämpfen und verzieht das Gesicht. Nochmal vorbei im Tiefschnee. Die Füße tun jetzt echt weh, und jeder Schritt ist eine Qual. Ich komme kaum noch in Gang beim Wendepunkt. Nochmal eisiger Wind im Feld. Sülze im Wald. Aufmunterung im Zielbereich.

Die letzte Runde, das sollte man doch eigentlich geniesen. Aber nicht heute. Runde 9 in 24:25min. Gesamtzeit 3:25:45. Irgendwie noch diese Runde durchkommen. Vielleicht geht da ja noch ne Sub 3:50. Aber es ist mir egal, was soll das auch. Ich bin froh wenn das hier rum ist. Alles tut weh, ich laufe nur noch mechanisch den Weg entlang. KM46 in 5:03min/km raubt mir die letzte Hoffnung auf ne Zeit unter der 3:50 Marke. Ich plaudere noch mit einem Läufer der sich ebenfalls in der letzten Runde befindet. Seine Bestzeit für die 50km ist ne 3:38. Na, da bin ich doch scheinbar gar nicht so schlecht unterwegs. Zum letzten mal Wendepunktstrecke. Nochmal vorbeiquälen im Matsch. Letztes mal Wind im Feld. Immer noch 2km. Das ist so ewig lange, und dann noch die Schneesülze. Runter zum Ziel, ich mobilisiere nochmal alles. Aber da geht nichts mehr. Die Batterien sind leer. Die Füße qualmen. Ich habe echt genug. Das Ziel kommt näher, ich kann es kaum glauben. Ich habe es mal wieder geschafft. Ab durch den Zielbogen. Die Matsch und Schneeschlacht ist vorbei. Endzeit 3:50:01,7. Na die 2 Sekunden hätte ich dich auch noch rausholen können. Egal jetzt. Ich will nur noch schnell unter die warme Dusche.

Die 1km vom Start bis zu den Duschen schlurfe ich im Schneckentempo. Ich werde nur noch überholt. Keine Ahnung wo die anderen diese Energie hernehmen. Ich für meinen Teil bin fix und alle.
Gerade noch so kann ich bei lauwarmem Wasser duschen. Immerhin, letztes Jahr war es kalt ! Draußen herrscht inzwischen ein übler Schneesturm. Die Läufer welche jetzt noch auf der Strecke sind, haben meinen höchsten Respekt.
Zurück in der Sporthalle gibt es bereits erste Ergebnislisten. Platz 16 insgesamt. Na also, ist doch ein schöner Erfolg. Da kann ich heute Abend ein paar Bierchen drauf trinken.


Das war kein Spaß heute, zum Glück ist es geschafft.
Rundenzeiten Rodgau Ultra 2011

links: Das war kein Spaß heute, zum Glück ist es geschafft.   rechts: Rundenzeiten Rodgau Ultra 2010