Sonntag, 15.November 2015

37.Istanbul Maratonu


Istanbul Logo 2015 gross

Es war klar dass eine Woche nach dem 50km Ultra von Bottrop nicht viel gehen wird. Aber dass es so hart wird, hätte ich nicht erwartet. Da freut man sich am Ende auch mal über eine eher langsamere 3:18.

Aber alles der Reihe nach.

Die Woche vor dem Istanbul Marathon kündigte sich bereits Ärger von einer ganz anderen Seite an. Die Lufthansa streikt! Und genau da hatte ich bereits ein halbes Jahr vorher die Flugtickets gesichert. Schöner Mist! Nach endlosen Warteschleifen in der Hotline, ohne jegliches Ergebnis beschloss ich, die Tickets zu stornieren und woanders welche zu besorgen. Natürlich bekommt man ein paar Tage vor Abflug, plus Streiksituation keine optimalen Flüge mehr. Egal wie, Hauptsache der Istanbul Marathon fällt nicht komplett ins Wasser. Bei der Turkish Airlines hat man mich gerne noch aufgenommen. Allerdings zu höheren Preisen und ein Rückflugzeitpunkt der mich quasi fast einen ganzen Tag kostet. Scheiß drauf! Wenn nicht in diesem Jahr, dann wahrscheinlich nie in Istanbul den Marathon laufen!

Auch die Anreise findet etwas zeitversetzt statt. So schaffe ich es gerade noch, am Freitag die Startunterlagen auf der Marathonexpo abzuholen. Die Expo ist ca. 4km vom europäischen Flughafen Atatürk entfernt. Das bietet sich also an, dort gleich vorbei zu schauen. So kann man den Samstag komplett für Sightseeing nutzen. Das U-Bahnnetz "Metro" ist relativ übersichtlich. Alles kostet einen "Jeton" (4 TL ~ 1,30€), egal wie weit. Sobald man die Metro verlässt, oder umsteigt, kostet es wieder einen Jeton. Die Jetons gibt es überall an Automaten. Sehr praktisch und überaus preiswert!


Die Ataköy Asli Çakir Alptekin Atletizm Spor Salonu. Eine gigantische Arena im Stadtteil Ataköy. Die Marathon Expo befindet sich allerdings in der kleineren Asli Çakir Alptekin Sports Hall gleich dahinter
Der Sicherheitscheck am Eingang der Messe ist passiert, ich bin drin!

links: Die Ataköy Asli Çakir Alptekin Atletizm Spor Salonu. Eine gigantische Arena im Stadtteil Ataköy. Die Marathon Expo befindet sich allerdings in der kleineren Asli Çakir Alptekin Sports Hall gleich dahinter
rechts: Der Sicherheitscheck am Eingang der Messe ist passiert, ich bin drin!


42,2km stehen mal wieder auf dem Plan. Marathon Nr.28 in 2015
Das Denkmal der Republik (Cumhuriyet Aniti)l am Taksim Platz, ganz in der Nähe ist meine Unterkunft

links: 42,2km stehen mal wieder auf dem Plan. Marathon Nr.28 in 2015 
rechts: Das Denkmal der Republik (Cumhuriyet Aniti) am Taksim Platz, ganz in der Nähe ist meine Unterkunft


Meine Unterkunft ist irgendwo in der Nähe des Taksim Platzes. Die Suche gestaltet sich etwas schwierig. Man ist sich nie so genau sicher, ob die Straße denn wirklich die richtige ist! Zumal die angegebene Hausnummer aber auch rein gar nichts von einen Hostel vermuten läßt. Eine Klingel gibt es nicht! Streunende Katzen beobachten mich. Es wird langsam dunkel. Da bleibt mir keine andere Wahl! Ich geh' da jetzt einfach mal rein! Tatsächlich! Es ist ein Hostel! Und gar nicht mal so schlecht! Sehr freundliche Menschen empfangen mich. Es gibt sofort einen guten Türkischen Tee zur Begrüßung. Ein paar Formalitäten noch erledigen. Schnell kommt man ins Gespräch. "Ach ja, der Marathon ist ja am Sonntag!". "Ist denn der Start noch auf der asiatischen Seite?" kommt die Frage. "Ja klar! Das ist ja das Besondere!" kommt meine Antwort. "Hast du denn auch dein Visum dabei?". "Wie? Visum? Ich brauche hier doch kein Visum!". "Ja, für die europäische Seite nicht. Aber drüben im asiatischen Teil, braucht man das!" Ich hätte es fast schon geglaubt, aber plötzlich ein Gelächter im Raum. Reingefallen! Aber ein guter Gag! Machen die wohl mit jedem so. Sehr gut! Hat mir gefallen.

Das Zimmer ist ok. Alles etwas improvisiert und einfach, aber für mich völlig ausreichend. Ich habe Hunger und es ist schon spät. Der Hausherr gibt mir den Tipp, ins "Bejoglu Halk Döner" zu gehen. Dort gibt es reichlich Auswahl, auch für Vegetarier. Ich bekomme die ersten Eindrücke von Istanbul. Es ist sehr hektisch und laut, um den Taksim Platz herum. Das Leben pulsiert in der gigantischen 15 Millionen Metropole Istanbul. Genauso hektisch ist es auch im "Bejoglu Halk Döner". Für nicht mal 10€ bekomme ich ein reichhaltiges Abendessen. Geschmacklich nicht der Oberhammer, aber für heute ok. Morgen ist dann Zeit für Sightseeing, und der Suche nach einer ruhigeren Lokation zum Abendessen.    


Auf Empfehlung der Unterkunft wird das erste Abendessen im "Bejoglu Halk Döner" eingefahren. Satt macht es allemal
Wenn ich schon mal da bin, da muß ein bisschen Sightseeing auf dem Bosporus schon sein.

links: Auf Empfehlung der Unterkunft wird das erste Abendessen im "Bejoglu Halk Döner" eingefahren. Satt macht es allemal
rechts: Wenn ich schon mal da bin, da muß ein bisschen Sightseeing auf dem Bosporus schon sein.


Samstag 14.November

Ich geb' mir das volle Touri Programm. Erst die Hafenrundfahrt im Bosphorous, dann das Doppelticket (2 Tage) für den Hop on Hop Bus. Am Ende schaffe ich leider nur die große Tour. Die kleine Tour war eigentlich am Nachmittag vom Marathontag geplant. Aber genau wegen dem Marathon kann dort kein Bus fahren. Wieder reingefallen in die Touristen Falle! Das hätte der Typ mir doch auch sagen können! OK, die wollen alle Geld verdienen. Ich hätte es mir ja auch denken können.

Das Abendessen gibt es diesmal im "Ülgersofrasi". Ein sehr gemütliches kleines Restaurant mit viel vegetarischer Auswahl. Hier kann man entspannen und abschalten. Die Besitzerin ist sehr nett, und stellt mir mein Essen nach Wunsch zusammen. Perfekt und lecker. Das alles auch nur 200 Meter von meiner Unterkunft entfernt. Besser geht es nicht!

Ich bin platt und müde von der ganzen rumlatscherei. Noch schnell die Sachen für den Marathon packen, dann geht es schlafen.


Ortaköy-Moschee im Distrikt Besiktas
Nusretiye Moschee im Stadtteil Tophane am Westufer des Bosporus

links: Ortaköy-Moschee im Distrikt Besiktas
rechts: Nusretiye Moschee im Stadtteil Tophane am Westufer des Bosporus


Hagia Sophia. Die einst mächtigste Kirche des frühen Christentums gilt wegen ihrer prachtvollen Innenausstattung mit Marmorplatten und Mosaiken als achtes Weltwunder.
Das war zu erwarten! Die Sultan-Ahmet-Moschee (Blaue Moschee) passt nicht komplett auf das Bild

links: Hagia Sophia. Die einst mächtigste Kirche des frühen Christentums gilt wegen ihrer prachtvollen Innenausstattung mit Marmorplatten und Mosaiken als achtes Weltwunder.
rechts: Das war zu erwarten! Die Sultan-Ahmet-Moschee (Blaue Moschee) passt nicht komplett auf das Bild


Bosphorus Brücke
Bosphorus Brücke

oben: 2xBosphorus Brücke aus verschiedenen Perspektiven


Das Gute liegt so nahe: Abendessen im Ülgersofrasi nur 200 Meter von der Unterkunft entfernt
Alles schon gepackt für den Marathon

links: Das Gute liegt so nahe: Abendessen im Ülgersofrasi nur 200 Meter von der Unterkunft entfernt
rechts: Alles schon gepackt für den Marathon


Sonntag 15.November Marathon

Aufstehen um kurz nach 4 Uhr! Das Standard Program wird routinemäßig abgespult. 4 Stunden vor dem Start ein gescheites Frühstück. Diesmal mit Weißbrot statt Brötchen, Banane, Honig und instand Kaffee. Die Shuttlebusse zum Start fahren von 7:00 bis spätestens 7:30Uhr am Taksim Platz ab. Ich überlasse nichts dem Zufall und bin noch vor 7Uhr dort. Alles läuft sehr unkoordiniert ab. Jeder steigt in irgendeinen Bus. Dummerweise ist es bei mir der Shuttlebus für die 10/15K Starter. Somit muß ich noch einen ziemlich langen Fußmarsch bis zum Marathon Startplatz zurück legen. Das macht aber nichts. Der Blick den man dabei von der asiatischen Seite Istanbuls auf die Bosphorus Brücke hat ist gigantisch!

Es ist für einen Novembertag selbst am frühen Morgen schon sehr warm. Frieren am Start, muß heute niemand.
 Noch den Beutel im vorgesehen Bus abgeben, und dann mal in den Block. Der Istanbul Marathon ist eine Mega Veranstaltung. Entsprechend voll ist der Block. Ich versuche noch so weit wie möglich nach vorne zu kommen. Viel weiter geht es nicht mehr. Es ist noch jede Menge Zeit bis zum Start um 9Uhr. Ich schaue mich um, und entdecke doch tatsächlich jemanden mit einen Aufwärmshirt von den "Lilien" Darmstadt 98! Umso länger ich mir den Typ betrachte, wird mir klar: Das ist doch Dirk Schuster der Trainer der "Lilien"! Ja! Er ist es tatsächlich! Na klar! Es ist doch gerade die Länderspielpause! Da hat er Zeit, und läuft den Istanbul Marathon! Ein kurzer Plausch ist drin. Aber den Foto hab ich natürlich schon abgegeben. Zu blöd! Ein späterer Check der Ergebnislisten zeigt mir, dass Dirk Schuster top fit ist! Mit 3:55:52 läuft er den nicht einfachen Marathonkurs von Istanbul. Respekt und Hut ab! 

So langsam wird es ernst. Der Start rückt näher. Viele im Block sind sichtlich nervös. Ich bin die Ruhe selbst. Sowas reißt mich nach 124 gefinishten Marathons nicht mehr vom Hocker. Es geht heute sowieso nicht mehr viel. Ich bin platt, werde versuchen so gut es geht durchzulaufen. Eine 3:15 wäre top, aber auch alles bis 3:30 ist ok. Es geht nur darum hier ordentlich im Ziel anzukommen. Noch den Countdown runter zählen, dann kann der Spaß losgehen.


Frühstück wie gehabt. Bananenbrot mit Honig und Kaffee dazu.
Bustransfer vom Taksim Platz zum Start auf die asiatische Seite der Bosphorus Brücke

links: Frühstück wie gehabt. Bananenbrot mit Honig und Kaffee dazu. 
rechts: Bustransfer vom Taksim Platz zum Start auf die asiatische Seite der Bosphorus Brücke


Fußmarsch zum Start auf der Bosphorus Brücke
Alles klar zum Start. Kleiderbeutel weg und raus auf die Brücke

links: Fußmarsch zum Start auf der Bosphorus Brücke
rechts: Alles klar zum Start. Kleiderbeutel weg und raus auf die Brücke


9:00 Uhr Start:

Der Highlight kommt gleich am Start. Die Überquerung des Bosphorus ist mehr als beeindruckend! Bedenkt man, dass man gerade von Asien nach Europa läuft, dann ist das noch das Sahnehäutchen obendrauf! Alles andere als erste Sahne ist die Zeit für KM1. Nur 4:45min! Nun gut, die Strecke steigt leicht an, ich muß erst mal reinkommen in den Marathon. Trotzdem, da wird nicht mehr gehen! Viel zu schwer sind die Beine, als das man hier was reißen könnte. Besser ist da KM2 mit 4:12min im Gefälle nach dem Scheitelpunkt der Bosphorusbrücke.

Die erste Bewährungsprobe steht auf dem Plan. Gleich nach dem Verlassen der Bosphorus Brücke müssen 60Hm auf den nächsten 1,8km überwunden werden. Von wegen, der Kurs ist weitestgehend flach. Alles Quatsch! Wer in Istanbul versucht eine knapp kalkulierte Sub3 zu laufen, wird hier bereits alle Vorsätze über den Haufen schmeißen und das Tempo deutlich zurückschrauben. Ich kämpfe gegen die Steigung an. Immerhin! Im 4:37'er Schnitt kann ich diesen ersten Kraftakt im Stadtteil Besiktas noch ziemlich gut meistern.

Es folgt das extrem brutale Gefälle den "Barbaros Boulevard" hinunter. Hier hat der Hauptsponsor Vodafone eine Power Zone mit Getränkeverpflegung ausgebaut. Bei einer Pace von teilweise 3:30min/km gelingt es mir nicht, eine Flasche zu schnappen. Und es wäre echt nötig. Die Temperaturen klettern in Richtung 20°C Marke. Das alles am 15.November! KM5 nach 21:47min abgedrückt. Sehr ordentlich! Hätte ich nicht erwartet. Doch die Kombination aus Steigung/Gefälle hat mich zermürbt. Dazu kommt der 50'er vom letzten Sonntag. Wen wundert's?

Der Abschnitt auf der "Meclis i Mebusan Caddesi" am Bosporus Ufer muß jetzt zur Erholung genutzt werden, sonst ist der Ofen bald aus! Doch anstatt mal ein Gang runter zuschalten, mache ich weiter Tempo. Es ist nichts los im Stadtteil Besiktas. Nur vereinzelnd stehen ein paar Zuschauer am Straßenrand. Zur rechten wird die derzeit in Bau befindliche Vodafone Arena passiert. Kaum vorstellbar, dass die komplett neu errichtete Heimspielstätte von Besiktas Istanbul bereits im März 2016 eröffnet werden soll. Jetzt volle Konzentration beim Getränkestand. Die Sonne knallt von oben, das darf man nicht unterschätzen! Ich muß trinken! So das hat jetzt geklappt. Pace immer noch um die 4:25min/km. Der Stadtteil Karaköy ist bereits erreicht, aber die Beine werden schwerer! Vor uns liegt die Galatabrücke über das "Goldene Horn" in den Stadtteil Fatih. Hier haben sich jetzt wenigstens ein paar Zuschauer eingefunden, die Stimmung wird besser.

Obwohl der Anstieg auf die Brücke relativ flach ist, habe ich ganz schön damit zu kämpfen. Geiler Blick auf den Bosphorus. Die Angler stehen press an press am Brückenrand. Am Ende der Brücke fällt einem sofort zur linken die "Yeni Cami" (Neue Moschee) im Istanbuler Stadtteil Eminönü ins Auge. Wir biegen allerdings nach rechts ab. Die 10km Teilnehmer können hier bereits finishen. Ich habe noch gut 32km vor mir und fühle mich schon als wäre ich bei KM32! Wo ist denn der 10km Marker? Hat das bisher alles so halbwegs mit den GPS Daten gepasst, ist jetzt die Markierung für meine Begriffe viel zu weit hinten. Das merkt man auch gleich bei der 10km Zeitnahme. 43:51min. Jetzt hab ich mich so gequält auf diesem ersten Abschnitt, und die Zeit ist mehr ernüchternd als ermutigend.


links: Hier entsteht die "vodafone arena" das neue Fußballstadion von Besiktas. Bildquelle: Vodafone Arena facebook
Die Galatabrücke kurz vor KM10 verbindet den Stadtteil Fatih und Beyoglu. Im Hintergrund der Galataturm

links: Hier entsteht die "vodafone arena" das neue Fußballstadion von Besiktas. Bildquelle: Vodafone Arena facebook
rechts:
Die Galatabrücke kurz vor KM10 verbindet den Stadtteil Fatih und Beyoglu. Im Hintergrund der Galataturm 


Die erste Wendepunktpunkt Strecke verläuft nun parallel zum Ufer des "Haliç" Goldenen Horns. So sehr ich mich auch zusammenreiße, die Pace geht an jedem Kilometermarker weiter runter. Schon fast auf 4:30min/km zeigt der Forerunner bei KM14 an der Wende im Stadtteil "Eyüp". Da muß ich jetzt echt dranbleiben. KM15 Messmatte bei 1:06:44 überquert. Macht 4:35'er Pace für den letzten 5km Abschnitt! Das sieht nicht gut aus! Zu allem Überfluss kommen nun auch noch die langsamen 15km Läufer/innen wieder mit auf die Strecke! Das nervt nur! Zusätzliche Manöver lassen sich nicht vermeiden.

Ein Glück ist für die 15'er das Ziel in Sicht und wir sind diese schlurfenden Event Läufer/innen wieder los. Die Marathonstrecke biegt bei KM17,5 auf den breiten Atatürk Boulevard ab. Es gibt jetzt extrem viel Platz für alle Marathonies. Allerdings auch eine weitere Steigung über 1km, die wohl keiner so richtig auf dem Zettel hatte. Zur Belohnung darf man am Scheitelpunkt bei KM18,5 das Valens Aquädukt, welches zur Trinkwasserversorgung genutzt wurde, durchlaufen.

Das hat jetzt echt Kraft gekostet. Das anschließende Gefälle wird die Beine noch schwerer machen. Trotzdem, mit allem was geht runter! Kaum ist die Strecke wieder eben, fällt die Pace extrem ab. Der Kilometer 20 Marker ist für meine Begriffe viel zu spät. Oder kommt mir das nur so vor? 25 Minuten für die letzten 5km! Also 5'er Pace! Mann, jetzt reiß dich am Riemen! 

Das Hafengebiet im Viertel im Viertel "Yenikapi" ist erreicht. Ein super Blick auf das Mittelmeer! Wahnsinn! Aber das hilft alles nichts. Noch nicht mal die Halbmarathon Markierung ist überquert. Ich bin total platt! Kann kaum mehr das Tempo der anderen mitgehen. Was für ein Drama mal wieder! Viel schlimmer noch, vor mir liegt die 2.Wendepunktstrecke auf der "Kennedy Caddesi" 8km fast bis runter zum Atatürk Airport. Elend lang, trostlos, nur gerade aus, nichts zu sehen und dann alles wieder zurück! Das zieht einen erst mal ganz schön runter. Dazu noch die schwache Halbmarathon Durchlaufzeit von 1:35:16 mit absteigender Tendenz. Na Prost Mahlzeit!

Das zieht sich wie Kaugummi. Der Blick aufs Mittelmeer gibt nach kurzer Zeit nicht mehr viel her. Da ist die entgegenkommende Führungsgruppe eine willkommene Abwechslung. Etwas verwundert bin ich, als plötzlich die 25km Messmatte auftaucht. Auf der Uhr stehen noch lange keine 25km. Sehr seltsam diese Zeitmessung. Also das passt hinten und vorne nicht. 21:50min für die letzten 5km. 4:22'er Schnitt. Nie im Leben! Und schon gar nicht in meinen aktuellen Zustand. Egal, Hauptsache am Ende sind es 42,195km.

Ich werd' immer müder! Wie soll das bloß enden? immer noch 16km vor mir. Wo bleibt nur die Wende? 4:50'er Pace zeigt der Forerunner! Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, laufe ich mit einer Zeit von über 3:30 auf dem Sultanahmet Platz ein. Das geht gar nicht! Auf jetzt! Reiß dich zusammen! Das kann nicht mehr weit sein, dann geht es zurück. Immer mehr Läufer sind auf der Gegenspur. KM27, KM28, na bitte, die Wendeschleife! Rum und weiter dranbleiben. Nicht nachlassen! Die Pace geht verdächtig nahe an einen 5'er Schnitt! Mistkram! Auch noch Gegenwind!


Ein weiterer Schritt ist geschafft. KM30 Marker passiert nach 2:18:19. Das ist grottenschlecht! Mit aller Macht stemme ich mich mit schweren Beinen gegen die immer schlimmer werdende Ermüdung. Gefühlt sind das weit über 20°C, solche Temperaturen mitten im November sind nichts für mich. Immer wieder wird Wasser über den Kopf geleert. Wenn ich dran bleibe, dann packe ich wenigstens die Sub 3:20. Dafür darf die Pace aber nicht über 5min/km gehen! Immerhin haben wir jetzt weit im Hintergrund die Sultanahmet Moschee im Blick. Dort befindet sich der Zieleinlauf. Das motiviert wieder.

Eine Gruppe kann ich trotz schlurf Tempo einholen. Ich dachte die sehe ich nie wieder, als die alle vor dem HM Durchlauf an mir vorbeigezogen sind. Und jetzt? Reihenweise kacken die Läufer/innen ab. Da gehen ja schon welche! Ich bin ja schon platt, aber so aufgeben werde ich mich auf keinen Fall! Weiter kämpfen! Sub 3:20 ist jetzt Pflicht! Das muß reichen! Messmatte für KM35. 2:44:53! Das kann doch nicht sein! Das wäre ja eine Pace von 5:19min/km für den letzten 5km Abschnitt! Wenn das wirklich stimmt, dann habe ich jedes Realitätsgefühl für Pace und Geschwindigkeit verloren! Nicht beirren lassen, Hirn ausschalten! Mir bleiben noch 35 Minuten für 7,2km. Das wäre ein Schnitt von gut 4:50min/km. Eigentlich unmöglich in meinem fortgeschrittenen k.o. Stadium und der letzten 2 ansteigenden Kilometern rauf zur Moschee. Scheiß drauf, Ich muß es versuchen! Istanbul mit über 3:20 gefinisht! Wie sieht das denn aus in der Statistik?

Wir zweigen ab ins Hafengebiet von "Yenikapi". Die immer noch zahlreichen Läufer/innen der Gegenspur sind verschwunden. Das sieht hier auch gleich viel ansprechender aus. KM37 passiert. Fast 5'er Schnitt! So wird's nix! Jetzt reiß dich zusammen! Nochmal 5km quälen! Der Zieleinlauf wird dich entschädigen! Kilometer um Kilometer mühevollste Kleinstarbeit die Küstenstraße entlang. Und das alles mit der Hammerkulisse von Bosphorous und der Silhouette der Asiatischen Seite Istanbuls vor Augen. Da muß doch jetzt mal bald der Abzweig rauf zur Moschee kommen! Weit kann das nicht mehr sein. Der Ahirkapi Leuchtturm bei KM39 ist passiert. Nur noch gut 3km! Auf die Marker gebe ich keinen Pfifferling mehr. Es bleibt zu hoffen, dass es am Ende passt und von der Zeit her reicht!


Der Valens-Aquädukt am Ende einer zermürbenden Steigung. Bildquelle: Incelemeelemani
Der Ahirkapi Leuchtturm bei KM39 läutet den Schlussspurt ein

links: Der Valens-Aquädukt am Ende einer zermürbenden Steigung. Bildquelle: İncelemeelemani
rechts: Der Ahırkapı Leuchtturm bei KM39 läutet den Schlussspurt ein


KM40 ist in Sicht! Das ging jetzt aber schnell. Sollte es ab hier wieder passen mit den Markern? Mal sehen? Zeit 3:07:26! Das würde eine Pace von 4:31min/km seit der letzten Kotroll Matte bedeuten. Da fällt mir nichts mehr ein! Da kann ich mich echt nicht drauf verlassen. Ich muß einfach weiter dran bleiben! Inzwischen ist auch die Galata Brücke mit dem Stadtteil Karaköy im Blickfeld. Wir sind doch schon fast einmal rum um den ganzen Moschee Komplex. Endlich! Der Abzweig durch den Gülhane Park, rauf zur Moschee. Das wird nochmal heftig! Ich muß jetzt alles raushauen.

Jetzt bekommt man echt was geboten! Hier hat sich scheinbar alles versammelt. Zuschauer feuern an. Das hat die ganze Zeit gefehlt. KM41 nach 3:12:55 abgedrückt. Das langt! Auch wenn die Steigung echt schwerfällt. Der Gülhane Park ist durch. Es geht schnurstracks die "Alemdar caddesi" hoch zur "Hagia Sophia". Hier ist Stimmung! Geil! Hab ich's doch gewußt! Super Unterstützung von beiden Seiten der Straße. Die Steigung ist fast durch. Vor mir baut sich die Sultanahmet Moschee auf. Los! Hol das letzte raus! Das ist nicht mehr weit! Hammer, was hier abgeht! Der Zieleinlauf ist zum greifen nahe!

Jetzt kein Fehler mehr machen! Nochmal ein Blick auf die Uhr bei KM42. 3:17:51. Da brennt nix mehr an! Ich kann jubeln! Unter tosendem Beifall werden die letzten
200m gelaufen. Ein schöner Zieleinlauf, der ein wenig entschädigt für die langweiligen Wendepunktabschnitte. Noch ein paar Meter, die Faust nach oben gereckt. Geil! Wieder einer mehr! Es ist geschafft! 3:18:24 die offizielle Zielzeit. Damit kann ich gut leben. Das war hier kein Zuckerschlecken!


Die letzte Steigung an der "Hagia Sophia" ist gepackt. Nur noch wenige hundert Meter sind zu laufen.
Zieleinlauf gleich neben der berühmten Sultan-Ahmet-Moschee (Blaue Moschee). Das hat schon was!

links: Die letzte Steigung an der "Hagia Sophia" ist gepackt. Nur noch wenige hundert Meter sind zu laufen.
rechts: Zieleinlauf gleich neben der berühmten Sultan-Ahmet-Moschee (Blaue Moschee). Das hat schon was!


Hastig wird man durch den Zielauslauf gedrängt. Keine Medaille, keine Verpflegungsstände. Stattdessen bekommt man eine gefüllte Tüte in die Hand gedrückt. Helfer bitten mich den Bereich zügig zu verlassen. Ehe ich mich versehe, bin ich auch schon durch die Security Sperren. Sehr schade, gerade der Zielbereich mit den Fressalien und dem Plausch unter Finishern gehört doch einfach dazu! Naja, was soll's. Finisher Medaille gibt's wohl auch nicht. Zu mindestens sehe ich niemanden der damit rumläuft. Doch! Ich habe jemanden mit dem Ding um den Hals gefunden. Aha! Die Medaillen sind verpackt in der Tüte! Ach so! Ziemlich unpersönlich, aber wenigstens gibt es was.

Kleiderbeutel abgeholt, bevor an den LKW's die große Warteschlange steht. Ein ruhiges Plätzchen in der Sonne, und jetzt erst mal eine kurze Ruhepause. Mal sehen was der Verpflegungsbeutel so hergibt. Ein paar Getränke, eine Banane, ein Riegel, ein paar weitere Fressalien und ein zusätzliches Finisher T-Shirt. Sehr schön! Aber Moment Mal? Wo ist diese blöde Medaille? Alles durchgekramt, nichts gefunden! Das gibt's doch nicht! Die haben vergessen die Medaille reinzupacken! Normal ist mir das Blechding furz piep egal. Aber vom Istanbul Marathon wollte ich schon ein Andenken haben! So ein Dreck! Nochmal den ganzen Weg zurück zum Zielauslauf. Ich quetsche mich zur Schleuse durch. Das war ja klar! Die lassen keinen mehr rein. Ich versuche dem Security Personal klar zu machen um was es geht. Keine Chance! So wie es aussieht bin ich nicht der einzige ohne Medaille. Da jammern ja noch welche rum. Na prima! Nach endlosen Diskussionen, erklärt sich ein Läufer, welcher sich noch im Zielbereich ist, nochmal nach vorne zu gehen und nach Medaillen zu fragen. Ich warte fast ne viertel Stunde. Alles schiebt und quetscht, so wie früher am Bäckerständchen in der Schule. Und tatsächlich, da kommt er zurück! Er drückt mir eine weitere Finisher Tüte in die Hand! Ja super! Tausend Dank! Sehr nett! Jetzt aber raus aus dem Chaos und endlich mal verschnaufen!


Istanbul Marathon gefinisht
Das habe ich mir jetzt echt verdient: geröstete Maronen

links: Istanbul Marathon gefinisht  rechts: Das habe ich mir jetzt echt verdient: geröstete Maronen


Zu meinem Entsetzen muß ich feststellen, dass heute wegen des Marathons keine Tram fährt! Und jetzt? Ich bin mal locker 6km vom Taksim Platz weg! Hab ich ne andere Wahl? Ich laufe zurück in die Unterkunft! Das Wetter ist ja top! Keine Erkältungsgefahr. Außerdem kann man gleich noch ein bisschen Sightseeing machen!

Am Abend kann ich es leider nicht wie üblich krachen lassen. Ich muß dank dem Lufthansa Streik schon um 4Uhr in der Früh im Shuttlebus sitzen! So beschränk sich die Marathonparty auf ein leckeres Abendessen und 2 Dosen Efes Bier.


überall die schönsten Leckereien, ich freue mich auf ein Bier!
Nochmal die komplette Theke durchgefressen.

links: überall die schönsten Leckereien, ich freue mich auf ein Bier!  rechts: Nochmal die komplette Theke durchgefressen.


Marathon Strecke Istanbul 2015

Strecke Istanbul Marathon 2015:
Der Start des Marathons befindet sich 300m hinter der Bosporus-Brücke im asiatischen Teil der Stadt. So wird gleich zu Beginn der Bosporus über die berühmte Brücke in den europäischen Teil Istanbuls überquert. Die Strecke führt zunächst durch Besiktas, dann am Ufer des Bosphorus durch Beyoglu und Karakoy. Als nächster Highlight erfolgt die Überquerung der Galata Brücke mit dem gigantischen Blick auf die Stadtteile Eminönü und Fatih. Diese bilden die eigentliche Altstadt Istanbuls Es folgt der 10km Durchlauf und die erste Wendepunktstrecke am Ufer zum "Goldenen Horns" entlang. Der Wendepunkt erfolgt dann im Stadtteil Eyüp. Auf dem Rückweg nach kann man noch einige historische Bauwerke bewundern. Doch spätestens nachdem sich die 15km Läufer/innen von den Marathonies trennen, wird die Strecke relativ unspektakulär und langweilig. Nach einem kräftezehrenden Anstieg mit anschließendem Gefälle auf dem Atatürk Boulevard, geht es auf einer breiten Straße am Mittelmeerufer weiter. Dies ist die zweite Wendepunktstrecke. Es geht runter bis nach Bakirköy (km28). In diesem Abschnitt ist wirklich gar nichts los. Viele Baugebiete und kaum bis keine Zuschauer. Für den Rückweg bekommt man auch noch Gegenwind obendrauf! Hier verzweifeln viele und fangen an zu gehen. Doch spätestens wenn die "Topkapi-Serail", der ehemalige Wohn- und Regierungssitz der Sultane erreicht ist, sind es nur noch ein paar Kilometer. Die Kulisse von Bosphorus, Hafen und Galata Brücke beflügelt zusätzlich noch mal. Jetzt nur noch den letzten Anstieg durch den Gulhane Park rauf zur "Hagia Sophia" und durch den Park gegenüber der Blauen Moschee. Der Zieleinlauf befindet sich direkt vor dem Eingangstor der Blauen Moschee (Sultan-Ahmed-Moschee).