Sonntag, 11.Oktober 2015

32.Eindhoven Marathon


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Noch eine Woche bis Eindhoven. Den Köln Marathon noch halbwegs ordentlich über die Bühne gebracht. Und trotzdem läuft gerade alles aus dem Ruder....die Schnief Nasen auf der Arbeit haben mich angesteckt! Da lebt man wie ein Hypochonder, und die hirnlosen Kollegen husten dich mit ihrer Seuchte an! Ich bin völligst in Arsch! Schleppe mich gerade so durch. Am Mittwoch sogar ein Tag Zuhause geblieben, weil wirklich überhaupt nichts mehr geht. Trotz allem, die ganze Zeit über nie Fieber gehabt. An Training ist überhaupt nicht mehr zu denken. Seit dem Köln Marathon nicht mehr gelaufen. Und dieser Marathon wurde ja bekanntlich auch schon mit leichten Erkältungserscheinungen durchgeprügelt. Es hilft ja nichts. Am Donnerstag auf der Arbeit total benebelt das allernötigste gemacht und gleich wieder heim ins Bett. Freitags der Lichtblick! Besserung! Zum Glück, denn ich muß mittlerweile einen Haufen Kram aufarbeiten. Alles irgendwie noch geregelt bekommen. Ich kann also doch noch mit ruhigem Gewissen am Wochenende nach Eindhoven fahren. Vielleicht erhole ich mich noch bis Sonntagmorgen zum Marathonstart.

Anreise, Startunterlagen, Unterkunft aufsuchen, das Frühstück einkaufen und sogar das leckere Karboloading am Abend. Alles diesmal keine große Freude, sondern Stress! Der Ablauf am Marathonmorgen ist eingespielt und verläuft nach Plan. Wie immer sehr zeitig am Start, nur halt alles andere als fit!


Die Marathonmesse/Startnummernausgabe ist im "Beursgebouw" ganz in der Nähe vom Hauptbahnhof. Sehr praktisch!
Da kommt Freude auf!


Die Marathonmesse/Startnummernausgabe ist im "Beursgebouw" ganz in der Nähe vom Hauptbahnhof. Sehr praktisch!
Da kommt Freude auf!

Tja, man kennt das ja. Du fühlst dich etwas besser und willst das Ding irgendwie durchziehen. So ziemlich jeder Läufer war mit Sicherheit schon mal in dieser Situation. Kein Test vorher, nichts. Du geht's mit zurückgeschraubten Erwartungen an den Start. Stellst dich ganz hinten im 2:45 - 3:15 Block auf. Zeit heute Nebensache. Keine Ahnung was auf dich zukommt. Es ist arschkalt und in weißer Voraussicht hast du dir diesmal das superdünne Rono langarm Shirt drunter gezogen. Das Halstuch auch mit dabei. Die Sonne scheint, also wird ne Mütze bald nur hinderlich! Aber dann kommt das, was du dir nun nie hättest erträumen können.....

Es geht los, und nach wenigen hundert Metern merkst du, dass du völligst neben dir stehst, einfach mit Mühe so deinen 5:10'er Trainings Schnitt hältst. Jeder zieht an dir vorbei. Du bekommst kaum was mit, die Ohren sind noch zu durch die Erkältung aus den letzten Tagen. Die Nebenhöhlen drücken, ohne jetzt groß zu schmerzen. Die Atmung ist ok, der Puls pendelt sich normal, weit unter 120 (67%) ein. Keine Gefahr also für den Kreislauf, so sollte es doch gehen über 42km! Hauptsache Eindhoven unter 4 Stunden als Training mitgenommen. Plan C sozusagen: Schadensbegrenzung, eigene Gesundheit oberste Prio, Zeit erstmal total egal, finishen bis max 4 Stunden angepeilt. Wenn es überhaupt nicht mehr geht, Ausstieg in Erwägung ziehen. Sowieso schon lange keinen richtig langen Lauf mehr gemacht! Passt ja optimal mit Kombi nächste Woche beim Oldenburg Marathon, als Aufbau für den Frankfurt Marathon in zwei Wochen. Dann aber mit Angriff auf bessere Zielzeiten........"

Das schmucke Stadion vom PSV Eindhoven gleich nach dem Start registriere ich zwar, wird aber nicht so verarbeitet wie sonst. Ich bin viel zu konzentriert mit mir selbst. Bloß aufpassen, dass ich nicht hinfalle, oder jemanden der vorbei will nicht bemerke. Total verunsichert laufe ich wie ein vorsichtiger Wiedereinsteiger nach schlimmer Verletzung über die Strecke. Der noch leicht geschädigte Gleichgewichtssinn durch den verstopften Gehörgang verstärkt diesen Effekt extrem. Stehe ich unter Drogen? Nein! Standard Gripostat habe ich doch brav gestern abgesetzt. Schmerzmittel nehme ich vor oder während Wettkämpfen sowieso nicht ein! Was haben die mir gestern ins Essen gemacht? Nichts! Kann man so Marathon laufen? Der Wind pfeift, Handschuhe und Mütze wären bei dem Tempo nun doch angebracht! Warum tue ich mir das an? Soll ich aussteigen?

Nix gibt's! Erst mal weiterlaufen. Ein Ausstieg würde nur ein Trauma hinterlassen, von dem ich jede Nacht schweißgebadet aufwache. Es wäre ein Schandfleck der nie wieder gutzumachen ist. Irgendwie muß es gehen. Mal schauen wie die Lage nach 10km aussieht. KM5 nach 26:12min / Puls 115 (64%), das ist von den Werten schon mal sehr gut für meinen Zustand. Aber gefühlt ist das hier super anstrengend. Die Konzentration extrem hoch, ich fühle mich jetzt schon wie bei KM35. Jetzt fragt auch noch einer, warum ich so weit hinten laufe. Er kennt mich vom Hamburg Marathon. Klar, da war die 4:15'er Pace angesagt! Kurzer Plausch mit der Erklärung, dass ich krank bin und dementsprechend langsam machen muß.

Der Kurs gibt überhaupt nichts her. Sehr trostlos. Oder krieg ich nichts mit? Nee, der Streckenabschnitt im südlichen Eindhoven ist tot langweilig. Nach einer gefühlten Ewigkeit ist der "High Tech Campus Eindhoven" erreicht. Hier wird die 10km Messmatte überquert. 52 Minuten 11 Sekunden. Das geht doch! Aber irgendwie wird jetzt jeder Kilometer zur Qual. Und 32 sind es noch! Der Tank ist leer. Ich fühle mich wie in der letzten Runde vom 100km Lauf am Leipziger Auensee! Das geht doch voll in die Hose hier!

Bei KM12,5 ist die Umrundung vom "Tech Campus Eindhoven" endlich abgeschlossen. Immer noch unverdrossen im 5:15'er Schnitt unterwegs. Puls weiterhin um die 115 (65%). Das ist sensationell gut für meinen kranken Zustand. So weit außerhalb vom Stadtkern kommt einem das ein bisschen vor wie auf dem Land. Weiterhin nichts los. Vielleicht jetzt. Die Strecke führt nun durch den südlichen Stadtbezirk "Stratum". Ich muß ich mir jetzt schon ein Gel reinhauen! Sowas von platt! Mir fehlt total die Energie. All 5km gibt's hier VP's mit was zu saufen. Also kommt ja bald die Gelegenheit ein Energieschub zu nehmen.

So, endlich! Der Verpflegungsstand! Schnell das Gel rein und Wasser dazu. Hoffentlich bringt das was. So kraftlos kann man doch kein Marathon laufen! Wenigstens ist hier ein bisschen mehr los. Die Zuschauer machen Stimmung. Aber es läßt mich völlig kalt! Wie kann man nur so neben sich stehen? Total benebelt ziehe ich auf der breiten "Stratumssedijk" weiter. Pissen müßte ich ja auch mal! Schwierig, überall stehen die Zuschauer. Da ist was! Schnell hin und weiter geht's. Die Hände sind so extrem eingefroren, dass ich die Kordel von der Hose ums verrecken nicht mehr schnüren kann. Ich muß in meiner Not einen Zuschauer bitten das zu übernehmen! Was für ein fataler Fehler! Der Typ knallt die Kordel zu extrem zu, daß ich im Leben den Knoten nicht mehr aufbekomme! Erst mal weiter im teilnahmslosen Blindflug. Auf jeden Fall hat das Gel was gebracht. Ich fühle mich besser.

Der östliche Stadtteil "Villapark" ist fast gepackt. KM19 nach 1:42:29 abgedrückt. Der HM Durchlauf kommt in ca. 1,5KM nach dem Start/Ziel Bereich. Also wenn, wäre jetzt die Gelegenheit das Drama hier aus gesundheitlichen Gründen anzubrechen! Vom Verstand her müßte ich es tun! Der Puls zeigt mir den erstaunlich gesunden Wert von 118 (66%)! So wie ich mich kenne, wird es weitergehen! Was denn auch sonst! Die Stimmung in der Innenstadt ist top! Da gibt's mal gar nichts zu nörgeln! Ich nehm's halt nicht wahr! Die Kraft läßt mittlerweile auch schon wieder nach! Ich muß unbedingt an jedem VP was zu mir nehmen!

Grottenschlechte Zeit beim HM Durchlauf mit 1:53:42. Aber das ist heute eh' zweitrangig. Wichtig ist, hier halbwegs gesund wieder aus der Nummer Eindhoven rauszukommen. Natürlich mit dem Marathonfinish! Auf geht's! 2.Teil! Ich werd' das Ding schon heimfahren! Doch die Pace geht stark auf die 5:30min/km zu. Der Puls aber weiterhin sehr stabil mit 117 (65%). So als wäre man nicht krank! Aber ich fühle mich total Scheiße! Total Scheiße! KM25 ist erreicht. Unbedingt den nächsten VP ansteuern, sonst kipp ich gleich um! Reiß dich zusammen! Der Stadtteil "Wonsel-Noord" noch und geht es wieder zurück! Ganz abseits jeder Gruppe ziehe ich einsam Kilometer für Kilometer weiter. Obwohl doch schon weit über die Hälfte gelaufen ist, kommt mir das Erreichen vom Ziel schon fast unmöglich vor! Was ist mit mir nur los? 

Jeder Kilometer wird zur extremen Qual. 5:40 und sogar 5:46min für KM26 bzw 27! Ich bin absolut platt! Wie soll man da noch 15km bis ins Ziel schaffen? Eine schier aussichtslose Situation! Gerade heute in dem geschwächten Zustand! Ein Fahrradbegleiter vom Orga Team spricht mich plötzlich an, ob es mir denn gut geht! Schon wieder! Am letzten VP kam schon der gleiche Spruch! Das macht mir langsam Angst! Sehe ich so Scheiße aus? Mir geht es tatsächlich nicht gut, so meine ehrliche Antwort. Aber er soll sich keine Sorgen machen. Ich ziehe das Ding mit angezogener Handbremse vorsichtig durch! Wie kommt der eigentlich darauf, dass es mir schlecht geht? Ganz einfach! Ich werde schon länger beobachtet, da ich so teilnahmslos wirke und abseits laufe! Außerdem mit der niedrigen Startnummer ziemlich weit hinten laufe! Da kann man mal sehen, wie die sich hier um einen kümmern! Für mich etwas beängstigend, aber so gesehen ein sehr gut funktionierendes Kontroll System vom Orga Team!

Das alles gibt mir echt zu denken! Ich komme aus dem grübeln nicht mehr raus! Mache ich wirklich das richtige, wenn ich hier weiter mein Ding durchziehe? Besser rausgehen? Ach! Papperlapapp! Zusammenreißen, Pace erhöhen und das Drama von Eindhoven durchziehen! Der nördlichste Punkt ist doch jetzt erreicht. Bald kommt KM30 und somit wieder ein VP. Ich werd' mich da irgendwie durchhangeln!

2:42:22 bei KM30. Unter 4 Stunden wollte ich schon bleiben! 5:30'er Pace kann ich gerade noch so halten! Der "Aufpasser" vom Orga Team hat mich wieder ein wenig wachgerüttelt. Pinkeln müßte ich dringend. Der Abschnitt hier bietet sich dafür an. Aber der Knoten geht nicht auf! Der Typ vom ersten Piss-Stopp hat mir den so gnadenlos zugezogen, ich krieg das nicht mehr auf! Das kann doch alles nicht wahr sein! Scheiß egal, dann wird die Hose halt von unten hochgezogen! Was soll ich denn sonst machen? Das hat Zeit gekostet, aber die spielt schon lange keine Rolle mehr! Das ist mir alles so egal! Ich will nur noch fertig werden. Fühle mich total Scheiße!

Die Strecke hatte ich vorher einigermaßen studiert, trotzdem hab' ich keine Ahnung wo wir gerade sind. Einfach weiter die Kilometer runterschlurfen! So geht es immerhin bis KM35 bei 118'er (66%) Puls. Nur noch 7km und der Abzweig in den Bezirk "Halve Maan" ist auch in Sicht. Geht doch! Die Strecke führt jetzt durch einen Grünstreifen. Schön im Schatten gelegen. Ich pfeife auf dem letzten Loch! Immer wieder hänge ich an anderen Läufern dran, und versuche das lächerliche Tempo von 5:40min/km mitzugehen! Was für eine krasse Nummer! KM36, KM37, KM38. Der grüne, schattige Abschnitt ist vorbei. Schwupps sind wieder riesige Firmenkomplexe zu sehen.

Der Puls geht mittlerweile stark in Richtung 130. Warum das denn? Ich werde doch immer langsamer. OK, gegen Ende ist das fast normal. Trotzdem, nichts riskieren, lieber nochmal Tempo runter! Die Stimmung steigt wieder an. Der Puls allerdings auch! Was geht denn hier ab? 140, 150, 160??? Ich steh' doch fast! KM39 ist durch! Noch langsamer geht es nicht. Ist das die Quittung für meine Unvernunft? Muß ich jetzt verrecken? Was machen? Rausgehen? Da kommt ein Sanitäts Zelt für Notfälle. Soll ich rein? Nix! Auch wenn ich jetzt total Schiß bekomme, ich steige nicht aus! Was sollen die tun? Die ziehen mich raus! Weiter geht's und wenn ich tot auf der Strecke umfalle! Dann war's wenigsten beim Marathon!

Das ist nicht mehr weit. Der Stadtteil "Strijp-S" ist fast durch! Die letzten 3km in dem bedrohlichen Zustand, das kann nicht funktionieren! Hab keine Ahnung was mit mir gerade abgeht! Cool bleiben! Nicht durchdrehen! Überleg doch mal! Habe ich Schmerzen? Nein! Habe ich Atemnot? Nein! Also dann gibt es keinen Grund hier abzubrechen. Scheiß Pulsmesser! Verlass dich doch einfach auf dein Gefühl und zieh' den Marathon durch. Verrecken kurz vorm Ziel? Geht gar nicht! Und siehe da, ich weiß nicht warum, der Puls geht ganz langsam wieder runter. Was in aller Welt war das? Tatsächlich ein Problem mit dem Kreislauf? Oder ein Messfehler? Total verunsichert und mit leicht zittrigen Beinen am PSV Stadion/KM40 Marker vorbei. 3:39:28 zeigt die Uhr. Ich traue mich gar nichts mehr! Behalte die Pace knapp unter 6'er Schnitt bei. Ich könnte schon noch einen drauflegen, aber die Angst nochmal in diese Situation zu kommen ist zu groß!

Bärenstarke Stimmung hier im Stadtkernbereich "Stratumseind". Die gehen ja ab! Wahnsinn! Da wird jeder einzelne frenetisch gefeiert! Schade, dass ich da heute nicht so richtig mitfeiern kann! Jetzt schnall ich das! Die sind sturz besoffen! Na klar! Seit 10 Uhr an der Strecke und ständig Bier abhufen. Nun ist mir klar, was Haroldinio vom Düsseldorf Orga Team meint mit Eindhoven ist eine riesen Party für die Zuschauer! Trotzdem, ich lasse mich nicht mehr mitreißen, ziehe das Ding so durch. Mit sehr verhaltenem Jubel wird nach 3:52:32 die Ziellinie überquert! Doch noch gepackt! Ein denkwürdiger Marathon, aus dem man nur lernen kann. Ich dachte echt für einen Moment das war's jetzt. Ich verrecke auf der Strecke ohne zu finishen!


Das Ziel erreicht. Die Freude ist sehr verhalten
Das Ziel erreicht. Die Freude ist sehr verhalten
Gute Miene zum schlechten Marathon! Eindhoven ist gefinisht! Aber nur wie!
Gute Miene zum schlechten Marathon! Eindhoven ist gefinisht! Aber nur wie!

ACHUTUNG: DAS IST EINE ROH-VERSION DER BERICHT BEFINDET SICH NOCH IN DER BEARBEITUNG!!!!!